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Ich liebe Fleisch. In nahezu allen Erscheinungsformen. Wenn der Duft von Gegrilltem durch die Straßen zieht, weckt mir das die Sehnsucht; schon der Gedanke daran macht mir gute Laune. Wenn jemand allzu aufdringlich versucht, mich vom Fleischkonsum abzubringen, reagiere ich schnell allergisch, ganz besonders, wenn es auf eine Weise passiert, die mir irgendwie militant, dogmatisch oder von oben herab vorkommt: Mundwinkel nach unten verzogen, angewiderter Blick, ungläubiger Tonfall: „Du isst Leichen? Du bist nicht besser als Hitler!“
Gut, ich übertreibe. Zugegeben, ich übertreibe ein ganzes Stück. Beim Wurstgenuss hat man mich bisher weder mit Hitler noch mit anderen Schurken von Rang verglichen. Nichtsdestotrotz werden mir andere Fleischesser Recht geben: Situationen solcher Art kommen vor, sie machen uns zornig, wir mögen diese Leute nicht, und vor allem: Der sendungsbewusste Vegetarier erreicht damit genau das Gegenteil von dem, was er eigentlich erreichen wollen sollte, eine Art Jetzt-erst-recht-Effekt.
Das Buch „Tiere essen“ von Jonathan Safran Foer, ein Plädoyer für den Fleischverzicht, habe ich trotz meines Widerstandes gegen solche und andere Missionierungsversuche lesen müssen, weil Foer zuvor zwei sehr schöne Romane geschrieben hat, die Ehrenplätze in meinem Bücherregal haben.
Ähnlich wie seine Romane habe ich auch sein Sachbuch innerhalb von drei Tagen verschlungen, und seitdem muss ich viel darüber nachdenken.
Er schreibt undogmatisch und nicht reißerisch, er schreibt sehr gut, vielleicht manchmal ein bisschen zu sentimental, aber nie unter Verwendung eines Holzhammers. Und vor allem schreibt er aus einer Position, die mir und bestimmt auch vielen anderen freudigen Fleischessern wesentlich näher steht als die erleuchtet-rechthaberisch-radikale, in die gekleidet solche Aufrufe sonst häufig daherkommen: Als jemand, der das kulturelle und emotionale Gewicht der Esskultur, die wir in unseren Familien von Generation zu Generation weiterreichen, sehr ernst nimmt. Die Geschichten und Erinnerungen, die zum Beispiel an den Lieblingsgerichten hängen, die uns unsere Großeltern zubereiten, wenn wir Kinder sind. Wie die Gulaschsuppe, die mein Großvater im Sommer in einem riesigen Kessel im Garten über einer Gasflamme kocht und um die sich die ganze Familie versammelt. Die seine Mutter für ihn gekocht hat, als er ein kleiner Junge in einem Dorf in Ungarn war. Die ich vielleicht auch irgendwann genau so für meine Enkel kochen möchte. So etwas lässt man nicht leichten Herzens für immer hinter sich.
Foer schreibt als jemand, der Fleisch liebt, jemand, der viele Jahre für den Entschluss gebraucht hat, darauf zu verzichten und dem es noch heute hin und wieder fehlt – er beugt sich der Last der Tatsachen, weil er das Richtige tun möchte.
Nun sind die Tatsachen, denen er sich beugt, zumindest zum Teil spezifisch US-amerikanische. Wenn er zum Beispiel sagt, dass es im Hinblick auf artgerechte Tierhaltung und Nachhaltigkeit alles und nichts bedeuten kann, wenn auf einem Produkt „organic“ (das anglophone Äquivalent zu „bio“) draufsteht, dann gilt das für den deutschen Markt nur sehr beschränkt: Das EG-Bio-Siegel mag, was die Tierhaltung angeht, relativ lax sein – die dort festgelegten Mindestkriterien allerdings gelten transparent und überprüfbar für alle Produkte, die das Siegel tragen. Wenn man sich zusätzlich an die Anbauverbände hält (Demeter, Bioland, Naturland, etc.), die sich selbst noch wesentlich strengere Regeln auferlegen, kann man auf eine sehr große Sorgfalt in der Behandlung von Tier und Umwelt vertrauen. Der Demeter-Standard gilt als der weltweit höchste im Bio-Bereich, und die anderen deutschen Anbauverbände folgen dichtauf (siehe hier einen älteren Newsletter mit einem Absatz zum Thema Tierhaltung und Biosiegel).
Ein anderer Punkt ist die Klimabelastung – Foer bezieht sich auf einen offiziellen Bericht des UN-Weltklimarats, in dem davon die Rede ist, dass der CO2-Ausstoß aus der Tierwirtschaft unter den größten drei oder gar zwei Verursachern des Klimawandels ist, womöglich noch vor dem weltweiten Transportwesen. Inzwischen haben die Autoren der Studie allerdings eingestanden, dass hier ein massiver methodischer Fehler vorlag, man hat sich um einen zweistelligen Prozentbetrag vertan, und tatsächlich sieht die Rangfolge anders aus.
Aber auch nach Abzug dieser und anderer Einschränkungen bleibt noch mehr als genug Material, das den Fleischliebenden zum Nachdenken bringen muss. Bio hin oder her, ich muss wohl allerspätestens nach dieser Lektüre dazu stehen, dass der Fleischesser in jeder Diskussion mit einem besonnen Vegetarier, der sein Fachwissen ordentlich beisammen hat, eigentlich gleich seinen Mantel nehmen und gehen kann. Es gibt keine wirklich hieb- und stichfesten Argumente fürs Fleischessen, im Gegenteil, jedenfalls keine ökologischen, keine ernährungswissenschaftlichen und keine ethischen – zurückziehen kann sich der Karnivore nur auf Tradition, und auf Genuss. Gut, auch die haben Gewicht – aber im Vergleich?
Das Allermindeste, was jedoch stehenbleibt, ist dieses: Die konventionelle Massentierhaltung ist in so vieler Hinsicht falsch – sie ist der Untergang des unabhängigen Bauern, sie ist ungesund, grausam, respektlos und unglaublich schädlich für die Umwelt – dass sie unbedingt gemieden gehört.
Darüber, finde ich, sollte man sich klar sein. Um sich darüber klar zu werden, braucht man Informationen, und man braucht sie in einer Form, die nicht bloß den Verstand erreicht, denn im Grunde weiß man ja in groben Zügen ohnehin schon bescheid. Alle diese Informationen sind in Foers Buch versammelt, und zwar in einer Form, die zumindest bei mir dazu geführt hat, den Döner an der Ecke in Zukunft durch einen Falafel zu ersetzen. Und wenn mein Opa das nächste Mal Gulaschsuppe macht, besorge ich das Fleisch. Vom Arpshof.
Hiermit sei eine dringende Leseempfehlung ausgesprochen.

Jonathan Safran Foer:
Tiere essen.
Kiepenheuer & Witsch, 352 S. |