warenwirtschaft newsletter 52

Ein Paukenschlag!

Es ist 2017!

Und haben wir jetzt fliegende Autos?

Nein!

Immer noch nicht!

Stattdessen haben wir Trump. So haben wir uns die Zukunft nicht vorgestellt. Zumindest Hoverboards hätten sie uns geben können. Oder Replikatoren. Oder wenigstens Replikanten.

Um einige weitere Dinge, die wir bekommen, nicht bekommen, bekommen sollten oder verlieren, soll es im folgenden Brieflein gehen. Leitmotiv quasi.

Kapitel 1: Bekommen.

Ein verloren geglaubtes Schaf kehrt in die Herde zurück, und das bin ich. Das Jahr ist um, machen wir keine großen Worte, naTÜRlich war das eine tolle Zeit, aber arbeiten muss man ja auch halt irgendwann mal wieder. Ich habe meinen Beitrag dazu geleistet, ein neues Kind genau ein Jahr alt zu machen und den einen oder anderen zusätzlichen anregenden Kram betrieben, und jetzt heißt es wieder: Gemüse und Müsli und hin und wieder mal Hallo, zwei Euro fünfzig bitte, dankeschön, tschüs. Noch’n Brot? Danke. Bitte. Danke.

Und man soll es kaum glauben, es liegt ein gewisser Trost und Halt in Routine und Struktur. Danke für die freundliche Wiederaufnahme und dass mich manch einer sogar wiedererkannt hat! Zum Beispiel Anne.

Aber genug davon, denkt ihr. Er sollte mehr über Orangen schreiben, denkt ihr. Also gut! Wenn ihr es denn so wollt!

Wir haben diese Woche den Höhepunkt der sizilianischen Zitrus-Saison erreicht. Besseres Material als die New-Hall-Apfelsine von Familie Solarino oder die zarte Vorzeige-Vulkanerde-Halbblut-Orange Tarocco von Familie Abate, quasi an den Hängen des Ätna gereift, werdet ihr landein, landaus nicht finden.

Sind sie nicht wie lauter kleine Sonnen in dieser sonnenlosen Jahreszeit, wie sie so leuchtend orange in den Kisten sich drängen?

Doch, sind sie.
(Mäh möh, sooo toll sind die Orangen auch nicht, Nico, sagen die andern. Aber das ist, weil sie am Leben zynisch und verbittert geworden sind und den Blick fürs Richtige verloren haben. Das kommt davon, wenn man kein Jahr Pause macht.)

Aber das ist nicht alles, was wir bekommen. Wir bekommen auch: Einen neuen Bäcker, und zwar Zeit für Brot in Ottensen. Wer dort schonmal war, weiß, dass die nicht nur eine stylishe Internetseite haben, mit einem Effekt, den man Parallax-Scrolling nennt, den der Nerd aus Hüpf-Videospielen der späten 80er kennt und schätzt und den heuzutage eigentich jeder stilbewusste Internetseitenbetreiber haben sollte.

Sondern sie haben auch exzellentes, also wirklich exzellentes Gebäck in süß und salzig. Zeit für Brot ist zwar ein größeres Unternehmen mit je einer Filiale in Köln, Berlin, Frankfurt und Hamburg und damit jetzt nicht auf den ersten Blick die Art lokaler Partner, mit der wir am selbstverständlichsten zusammenarbeiten – aber hier stimmen die Werte: Es wird lokal und mit großer Sorgfalt eingekauft und gebacken, ausschließlich mit Bioland-Zutaten, und in einer Backstube, in die man von außen reinschauen kann. Da sind dann Leute mit weißen Schürzen und mehlbestäubten Armen drin, mit den Händen im Teig. Ungefähr das romantische Bild, das andere Großbetriebe auch zu transportieren versuchen, bloß dass es hier nicht nur eine Fassade ist, hinter der sich industrielle Backstraßen und Standardbrote verstecken.

In absehbarer Zeit also zu Mitgliederpreisen bei uns: Zeit-für-Brot-Brot, jedenfalls, wenn wir es nicht selbst aufessen, bevor ihr es kaufen könnt. (Dafür fliegt übrigens kein anderer Bäcker bei uns raus, wir werden aber ein paar nicht so beliebte einzelne Brotsorten aus dem Sortiment nehmen, um Platz zu schaffen).

Kapitel 2: Nicht bekommen.

Sonnenlose Jahreszeit Hilfsausdruck: Der Wintereinbruch in Südeuropa mag die Ätna-Region weitestgehend verschont haben, kennt aber sonst kein Pardon. Verschneite Felder in Griechenland und Italien, für den hiesigen Gemüsemarkt ein schmerzlicher Einbruch, für die Bauern dort eine Katastrophe.

Ganz Europa stürzt sich jetzt auf die spanische Ware, da ist’s nicht so kalt. Aber die Mengen reichen natürlich nicht für alle, und weil die Leute zum Beispiel in Frankreich und Skandinavien wesentlich größere Teile ihres Geldes für Essen auszugeben bereit sind – übrigens ein interessantes Thema für sich und für einen anderen Newsletter vielleicht – bekommen die auch wesentlich größere Teile der Ware.

Wir dagegen werden in den nächsten Tagen und Wochen immer wieder mal leer ausgehen oder Dinge deutlich teurer als sonst verkaufen müssen, vor allem in Sachen Broccoli, Blumenkohl, Zucchini und Fenchel. Ihr seid also gewappnet und esst notfalls Weißkohl, Rote Bete, Steckrübe, Chinakohl von hier. Und Orangen, esst um Gottes Willen Orangen, die sind eine Pracht.

Kapitel 3: Verlieren.

Ein ziemlich konfliktbeladenes Thema: Wir verlieren offenbar seit einer ganzen Weile Geld. Und nachdem wir über Monate mögliche Geldlöcher ausgeforscht haben, bleibt nur noch eine ziemlich hässliche Schlussfolgerung übrig: Wir werden beklaut. Die Maßnahmen, die wir dagegen ergreifen müssen, sind uns fremd und unbehaglich, wir wünschten uns, es wäre anders. Eine davon, eine vorbeugende, ist eine Bitte an euch: Wir hätten gern, dass niemand mehr seine Einkäufe in privaten Taschen durch den Laden transportiert, bevor sie bezahlt sind. Bitte nutzt dafür die Einkaufskörbe und -wagen, damit wir den Kram ein bisschen mehr im Blick haben.

Das ist ein Misstrauensvotum, das ist uns klar – es richtet sich gegen die sehr, sehr wenigen schwarzen Schafe, die wir uns widerwillig eingestehen müssen, unter unserer Kundschaft zu haben, aber es trifft alle, die bei uns einkaufen, was dämlich ist, aber sich nicht anders lösen lässt.

Einschneidender, aber weniger verstörend ist ein weiterer Verlust. Die sehr kleine und vielleicht etwas zwanghafte Minderheit, die schon bis ganz unten gescrollt und die Unterschriften gezählt hat, hat es schon geahnt: Arina hat zum 1.1. nach drei Jahren das Kollektiv verlassen. Das ist ein bisschen wie eine Scheidung und als solches natürlich traurig – anders als bei unserem ersten gemeinsamen Besuch beim Notar haben wir diesmal kein Konfetti geworfen.

Aaaber: Kennt ihr diese richtig guten Scheidungen? Wo alle bewundernd sagen: Toll, wie die das hinbekommen, mit den Kindern noch, und alles gemeinsam und so friedlich, und die sind ja echt richtig gute Freunde geblieben und sprechen sich *ganz* toll ab! Und wenn so beide zufriedener sind, dann ist es ja auch besser so, *gerade* für die Kinder!

Das ist die Art Scheidung, mit der wir es hier zu tun haben. Der Grund dafür war kein böses Blut, sondern einfach weniger Freude an der Selbständigkeit als erwartet – und deswegen bleibt Arina uns auch weiterhin erhalten: Sie hat nach der Kündigung des Ehevertrags gleich einen Angestelltenvertrag unterschrieben und will sich gemeinsam mit uns weiter um die Kinder kümmern.

Epilog: Neue Waren

In der Sektion Wurst und Wurstartige:

  • Jagdwurstaufschnitt
  • Geflügelhackbällchen von Bauck
  • Wheaty Alm-Knackis, also vegane Käsewürstchen (ob DAS gutgeht?)
  • Auch Wheaty: “Grobe” “Bratwurst” und “Kassler 2.0″ (Ohje.)
  • Rinderchips (Ja, wie Kartoffelchips. Nur halt aus Rindern. Ist doch naheliegend!) 

Außerdem eine ganze Reihe tolle Produkte von Flores Farm wie

  • grüne Rosinen
  • Kakaosplitter
  • wilde Erdnüsse
  • edle Kakaobutter.

Und sonst noch:

  • Gemüsecräcker von Rosengarten (Wie Rinderchips, nur aus Gemüse, und warum auch nicht?)
  • Chia-samen und Kokosblütenzucker von Rapunzel

Und halt wie immer alles andere neue, das wir hier nicht erwähnen können, weil vergessen.

Und das, liebe Freunde, soll es mal wieder gewesen sein. Auf ein gutes Jahr – es ist unser neuntes, Wahnsinn.

Hm. Jetzt hab ich gerade wieder so eine Orange gegessen, und diesmal war sie überhaupt nicht überdurchschnittlich. Bestenfalls in Ordnung. Ist denn auf gar nichts mehr im Leben Verlass? Naja.

 

Anne, Berit, Florian, Nico und Reuli


warenwirtschaft.

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28.1.2017 |  by